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Die Vielfalt des Non-Profit-Journalismus – ein Augenschein

In letzter Zeit habe ich u.a. zwei längere Interviews für Bachelorarbeiten über Erlösmodelle im Journalismus gegeben. Die Arbeit von Linda Wehly, von der Jadehochschule Wilhelmshaven in Deutschland, zum Thema «Crowdfunding im Journalismus: Potenziale und Perspektiven für Deutschland» (PDF) ist bei Media Funders abrufbar. Die neuste Arbeit rund um das Thema nicht gewinnorientierte Erlösmodelle für Qualitätsjournalismus („Non-Profit-Medien“), einer Studentin der Fachhochschule Wien, ist noch in Arbeit. Beide Interviews liessen mich einmal mehr einen stärkeren Blick auf die Non-Profit-Medienlandschaft in den USA und in Europa werfen. Dabei stellte ich fest, wie vielfältig und oft unscheinbar die Non-Profit-Medien in Europa sind. Es gibt sie auch hier, doch sie werden oft nicht als solche hervorgehoben und entsprechend erkannt. Deshalb ist es mal Wert, einen kleinen Überblick auf deren vielfältige Formen zu werfen.

Magisterarbeit «Freie Medien und Blogs als Einstieg in den kommerziellen Journalismus» von Michaela Wein (Universität Wien)
Die genaue Definition von (was ist) Journalismus(?) und wo fängt gemeinnütziger Journalismus an, bzw. was ist kommerzieller/gewinnorientierter Journalismus, sind Herausforderungen für sich. Hier kann ich nur (die von mir aktuell leider noch nicht fertig gelesene) neue Magisterarbeit «Freie Medien und Blogs als Einstieg in den kommerziellen Journalismus» von Michaela Wein, von der Universität Wien, empfehlen. Michaela Wein nimmt dort in ihrer kürzlich publizierten Arbeit diese Definitionsversuche vor.

Formen von Non-Profit-Medien

Stiftungsfinanzierter Journalismus à la USA

Wenn man an professionellen Non-Profit-Journalismus denkt, dann kommen einem als erstes meist die grossen, durch US-Stiftungen getragene Medien und Organisationen wie ProPublica, das «Center for Public Integrity», das «Pulitzer Center on Crisis Reporting» oder vielleicht auch die «The Texas Tribune» in den Sinn. Nicht verwunderlich, denn wer sich etwas damit beschäftigt, kommt an der Multimillionen schweren Stiftungsförderung in den USA nicht vorbei.

Die Studie «Finanzierung journalistischer Aktivitäten durch gemeinnützige Organisationen in den USA» als Wegweiser für Europa.
Laut der Studie «Finanzierung journalistischer Aktivitäten durch gemeinnützige Organisationen in den USA» (PDF) von der Technischen Universität Dortmund und der University of Wisconsin-Madison aus dem Jahr 2011, flossen dort alleine in den letzten zehn Jahren über eine Milliarde US-Dollar von Seiten der Stiftungen – wie zum Beispiel der berühmten Knight-Stiftung (John S. and James L. Knight Foundation) – in innovative Journalismus-Projekte und Medien-Organisationen. Das ergibt rund 100 Millionen Dollar, die von Stiftungen und Mäzenen in den USA jährlich in unabhängigen Qualitätsjournalismus gehen.

Non-Profit-Journalismus in Europa

In Europa hingegen zeigt sich ein ganz anderes Bild. Stiftungen spielen hier praktisch keine tragende Rolle, da sich die wenigen Stiftungen, welche sich im Journalismus- und Medienbereich fördernd engagieren, überwiegend auf Förderungsmassnahmen durch Ausschreibungen von Journalismus-Preisen, Stipendien, Veranstaltungen, Reisen und Austauschprogramme für Journalisten konzentrieren. Also, anders als US-Stiftungen, nicht (oder nur in seltenen Fällen) den Journalismus, Medien und Organisationen in deren Aufbau, Produktion, Entwicklung oder Innovation unterstützen.

Obwohl es auch hier in Europa vereinzelt das eine oder andere Beispiel von stiftungsgetragenem Journalismus gibt, nutzt der weit überwiegende Teil der Non-Profit-Medien hierzulande weitgehend die identischen Finanzierungsstrukturen wie kommerzielle Medien. Entsprechend sind sie sehr oft auch nur schwer als „nicht-kommerziell“ zu erkennen.

Zu den stiftungsgetragenen Beispielen von Non-Profit-Medien in Europa gehört zum Beispiel «The Guardian» (UK), die TagesWoche (CH) und Infosperber (CH), welche zur Finanzierung gleich eine eigene Stiftung («The Scott Trust», «Stiftung für Medienvielfalt» bzw. die «Schweizerische Stiftung zur Förderung unabhängiger Information» SSUI) haben. Oder das vor einigen Monaten gestartet Medien-Debattenportal VOCER.org (DE), welches unter anderem durch Stiftungen mitfinanziert wird.

Ein öfteres Missverständnis im Zusammenhang mit Non-Profit-Medien ist, dass es sich dabei immer um rein durch Stiftungen und Spenden finanzierte Organisationen handeln müsse. Aber gerade wenn man sich die europäischen nicht-kommerziellen Medien (also Non-Profit-Medien) ansieht, merkt man schnell, dass sich der Non-Profit-Journalismus oft den klassischen Finanzierungsformen von kommerziellen Medien bedient (oder bedienen muss).

Non-Profit heisst denn auch nicht, dass sich diese Organisationen, Unternehmen, Teams oder auch Einzelpersonen, alleine durch Stiftungsgelder oder Spenden finanzieren müssen. Anzeigen-Verkäufe (Werbeeinnahmen), Abo- bzw. Produkt-Verkäufe (z.B. Zeitungen, Magazine), Sponsoring und andere Einnahmequellen sind deswegen ja nicht verboten. Gerade da die Stiftungsfinanzierung in Europa sehr minimal ausfällt, bedienen sich Non-Profit-Medien zurecht auch diesen Finanzierungs- und Refinanzierungsformen. In der Regel spielen diese klassischen Finanzierungsformen im Non-Profit-Medienbereich ein sinnvolles Zusammenspiel mit Spenden, Stiftungsgeldern und anderen Fördermitteln aus öffentlicher und staatlicher Hand. Umso schwerer wird es, Non-Profit-Medien – lediglich mit einem oberflächlichen Blick – von kommerziellen Medien (also profitorientierten Medien bzw. Medienmachern) zu unterscheiden.

Das breite Spektrum des Non-Profit-Journalismus

Nicht profitorientierte Medien gibt es auf allen Medienkanälen (Online, Print, Radio, TV) und in unterschiedlichen Grössen, Formen, Strukturen und Qualitäten. Sie setzen dabei auf diverse Finanzierungs- und Refinanzierungsformen, jedoch meist auf individuell zusammengesetzte Mischformen aus freiwilligen Spendenmodellen und klassischen Einnahmequellen.

Hier gibt es nehmen den genannten Formen von The Guardian, TagesWoche, Infosperber und VOCER unter anderem die Form der Genossenschaft, wie sie zum Beispiel die Tageszeitung «taz» in Deutschland nutzt. Die taz setzt auf das Genossenschaftsmodell als Eigentumsform und finanziert sich sowohl über klassische Erlösmodelle, als auch über verschiedene Spendenfinanzierungsformen wie Social Micropayments und Crowdfunding.

Bei den grossen Medien dürfen die verschiedenen öffentlich-rechtlichen Radio- und Fernsehgesellschaften wie ORF, ZDF, ARD, NDR oder die SRG SSR etc. nicht vergessen werden. Diese staatlichen bzw. staatlich geförderten Massenmedien in Österreich, Deutschland und der Schweiz werden via GEZ, Billag & Co. durch die Gesellschaft mitfinanziert und sind ebenfalls nicht gewinnorientiert (AdöR, Verein bzw. gemeinnützige Stiftung).

Non-Profit-Medien müssen nicht immer ProPublicas mit über zehn Millionen Dollar Jahresbudget sein. Die Medienlandschaft – insbesondere die Non-Profit-Medienlandschaft – lebt vor allem durch eine äusserst vielfältige, kreative und lebendige Landschaft von unzähligen kleinen Magazinen (Online wie Print), Blogs, Medienportalen, Radiosendern und anderen multimedialen Medienformen und -projekten.

Doch es müssen ja nicht alles grosse, staatlich finanzierte und milliardenschwere Massenmedien oder ProPublicas mit über 10 Millionen Dollar Jahresbudget sein. Die Medienlandschaft – insbesondere die Non-Profit-Medienlandschaft – lebt vor allem durch eine äusserst vielfältige, kreative und lebendige Landschaft von unzähligen Magazinen (Online wie Print), Medienportalen, Blogs, Radiosendern, Podcasts, Videocasts und anderen multimedialen Medienformen und -projekten, die nicht von profitorientierten Unternehmen, sondern von Einzelpersonen, Gruppen von Journalisten und Bloggern, Vereinen oder sozialen Unternehmen ins Leben gerufen wurden und auch nicht des Profits wegen bestehen.

Die einen verzichten (bisher) komplett auf fremde Finanzierungsformen und nutzen ausschliesslich eigene Ressourcen, um ihr Medium mit anspruchsvollen publizistischen Inhalten zu füllen und zu führen. Non-Profit-Medien wie Carta (DE), die Berliner Gazette (DE) oder Paroli (AT) setzen hier vor allem auf eigenes Engagement. Dies meist in der Form eines Vereins oder Zusammenschlusses von Journalisten, Bloggern und Autoren. Finanziert über Eigenmittel (teils auch in Form von Mitgliederbeiträgen) und in vielen Fällen ergänzt durch Kleinspenden (z.B. via Flattr, Kachingle, Spenden) und/oder Werbeeinnahmen, publizieren diese Medienmacher nicht des Profits wegen.

Auch Mäzenatentum kommt im Medienbereich gelegentlich vor. Das Pressebüro maiak in der Schweiz stellte zum Beispiel das erste spendenfinanzierte Journalismusbüro in Europa dar und lieferte seit dem Jahr 2008 unabhängige Hintergrundberichte über Russland, Belarus (Weissrussland) und die Ukraine. Der «Newsroom for Eastern Europe» wurde vorwiegend durch Mäzene getragen und kam so für Recherchen und Betrieb auf ein Budget von jährlich rund 100’000 Schweizer Franken.

Bei Social Business oder Social Entrepreneurship steht die finanzielle Gewinnerzielung nicht im Mittelpunkt, sondern dient lediglich als Mittel zur Realisierung sozialer Zwecke – auch im Journalismus und Medienbereich.
Neben all diesen unterschiedlichen Non-Profit-Formen (Stiftungen, Vereine, Gruppen, Genossenschaften, Organisationen, staatliche Institutionen etc.), gibt es auch die des sozialen Unternehmertums (Social Business und Social Entrepreneurship). Eine klare Linie ist hier auf den ersten Blick oft schwer zu ziehen. Denn hier kann die rechtliche Gesellschaftsform auch ein Unternehmen (z.B. eine GmbH) sein, wobei jedoch in diesen Unternehmen dann im Normalfall komplett auf Gewinnausschüttungen verzichtet wird. Stattdessen werden die erzielten Gewinne wieder in das Unternehmen und die Produkte reinvestiert oder fliessen in andere soziale Projekte. Für Social Entrepreneurs steht die finanzielle Gewinnerzielung damit nicht im Mittelpunkt sondern dient lediglich als Mittel zur Realisierung sozialer Zwecke, um damit wichtige soziale Probleme und Herausforderungen zu lösen – auch im Journalismus und Medienbereich. Ein mögliches Beispiel im Medienbereich könnte hierfür «Der Glocalist», eine Tageszeitung für Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung, in Deutschland sein.

Journalismusförderung als Schwerpunkt des unabhängigen Non-Profit-Medialab

Neben einem verstärkten Engagement von Stiftungen, Privatpersonen und staatlichen Förderstellen, braucht es auch
frische Ideen und technische
Innovationen für neue Geschäftsmodelle, Finanzierungs- und Refinanzierungsformen im Journalismus.
Diese Vielfalt an Non-Profit-Medien(formen) soll nicht darüber hinwegtäuschen, wie schwierig das ökonomische Medienumfeld für gemeinnützige, nicht-profitorientierte Medien (abseits der öffentlich-rechtlichen Institutionen und den klassischen gewinnorientierten Massenmedien) hierzulande ist. Die stark überwiegende Mehrheit dieser Medien existiert lediglich dank viel Idealismus, Engagement und Selbstaufopferung, und verfügt meist über kein (und wenn überhaupt, höchstens über ein minimales) Budget. Trotzdem sind wir als Gesellschaft, wie auch unsere Demokratie, die Wirtschaft, Wissenschaft und Politik, auf diese unabhängigen Medien angewiesen – vielleicht heute stärker als je zuvor.

Ein Schwerpunkt unseres geplanten interdisziplinären Non-Profit-Medialab liegt deshalb in der unabhängigen Förderung des Journalismus und der Medienvielfalt. Ein Fokus liegt dabei auf der Entwicklung und Bereitstellung neuer Finanzierungs- und Refinanzierungsformen. Hier liegen denn auch bereits schon zwei Projekte zur Entwicklung bereit, die Journalisten, Medienmacher und Medien zukünftig weitere Möglichkeiten zur Finanzierung ihrer Arbeit, ihrer Strukturen und Medien bieten sollen.

Mit der gemeinnützigen Crowdfunding-Plattform Media Funders, wollen wir zum Beispiel die (Vor)Finanzierung geplanter Reportagen und Medienprojekte über Schwarmfinanzierung ermöglichen. Hierbei sollen nicht nur Kleinspender zum Spenden angeregt werden, sondern auch Stiftungen und öffentliche/staatliche Förderinstitutionen einen einfachen und sinnvollen neuen Weg erhalten, die Medienvielfalt via transparenten und kostengünstigen Prozessen mitzufördern.

Ein weiteres geplantes Projekt befasst sich mit der Entwicklung einer Lösung zur Weiterverwertung von bereits bestehenden journalistischen Inhalten. Dieses hat zum Ziel, für Urheber eine einfache Refinanzierungsmöglichkeit für ihre bereits erstellten multimedialen Inhalte zu schaffen.

Dies sind zwei Vorstösse in dieser Richtung, doch bilden sie sicherlich nur die kleinste Spitze an innovativen Lösungen für mögliche neue Erlösmodelle im Journalismus. Neben einem verstärkten Engagement von Stiftungen, Privatpersonen und staatlichen Förderstellen, braucht es auch andere frische Ideen und technische Innovationen für neue Geschäftsmodelle, Finanzierungs- und Refinanzierungsformen im Journalismus. Dies ist eine Aufgabe, an der sich jede und jeder beteiligen kann.

Update: 29. Mai 2012


Anmerkung: Wer weitere journalistische Non-Profit-Medien (grösser als ein Blog) kennt oder interessante Inputs zu diesem Thema hat, bitte gerne die Kommentarfunktion nutzen. Vielleicht gibt es von Leserinnen und Lesern Ergänzungen oder Vertiefungen in diesem oder anderen verwandten Themen. Wir bieten hier im Blog gerne auch ausführlicher Platz für entsprechende Beiträge oder Vorstellungen von Arbeiten rund um dieses und andere Themen (z.B. zu Journalismus, Medien, Medienentwicklung, Geschäftsmodelle, Innovationen oder E-Partizipation etc.). Wir freuen uns in diesem Fall über eine Kontaktaufnahme.

  • Stefan Küchler Jun 4, 2012 Reply

    Ich überlege schlicht: Haben wir es im Vergleich USA und Europa in Sachen Bereitschaft zu Spenden und Stiftungen nicht aber mit einem gewissen Mentalitätsunterschied zu tun? Ist Spenden in hiesigen Gegenden womöglich in erster Linie viel mehr mit caricativen Gedanken verbunden, während Spenden in den USA als individueller Ausdruck der Bereitschaft Dinge zu fördern, die am Herzen liegen, viel eher und unverfänglicher in kommerziell orientierte Projekte fließen.

    Anders: Spenden wir in Europa nicht lieber für das Gewissen und Afrika als für Journalismus, respektive individuelle Leidenschaften?

    So sehr ich Crowdfunding-Konzepte schätze: Ich hab so meine Zweifel, ob damit dauerhaft tragfähige, journalistische Geschäftsmodelle auf den Weg gebracht werden können.

    Wie gesagt: Ich überlege schlicht.

    • Stefan Hertach Jun 16, 2012 Reply

      Ja, den Eindruck habe ich auch, dass es zwischen den USA und Europa (sagen wir mal, zwischen USA und den DACH-Ländern) unterschiedliche Spendenmentalitäten diesbezüglich gibt und hierzulande eher und schneller für notleidende Kinder in Afrika, Katastrophenhilfe und ähnliches gespendet wird. Crowdfunding von internationalen Reportagen u.a. in diesem Umfeld, sehe ich deshalb auch als eine der spannendsten Bereiche. Hier bieten meines Erachtens das Informationsbedürfnis, der Informationsmangel (zu kostspielig für Medien), die Solidarität und die Spendenbereitschaft eine gute Ausgangslage für Crowdfunding von aussergewöhnlichen Reportagen und innovativen Medienprojekten.

      Crowdfunding hat aber sicher auch das Potenzial, um Teile des lokalen, regionalen oder nationalen Journalismus mitzufinanzieren. Ich sehe Spendenfinanzierung jedoch (derzeit) nicht als dauerhafte alleinige Finanzierungsquelle für ein Medium. Dies kann es in Ausnahmefällen natürlich durchaus geben, aber persönlich sehe ich Crowdfunding einerseits als Finanzierungsinstrument von einzelnen, klar definierten Projekten (z.B. Reportagen oder die Startfinanzierung eines neuen Mediums) und andererseits (via Social Micropayments und/oder regel-/unregelmässigen Spendenaktionen) als eine laufende zusätzliche Einnahmequelle innerhalb eines breiteren Finanzierungsmixes (Produkt- und Abo-Angebote, Werbung etc.).

      Bei der Finanzierung von lokalen Reportagen, geht es wahrscheinlich den Unterstützern weniger um “Spenden für einen guten Zweck”, als noch mehr um das Ergebnis selbst. Wo es eine Nachfrage nach bestimmten (lokalen) Informationen, Nachrichten, Hintergrundinformationen, Analysen, investigativen Reportagen oder Medien etc. gibt, weil es diese (in befriedigendem Masse) auf dem Markt nicht gibt, werden die Leute auch bereit sein, dies via Crowdfunding vorzufinanzieren.

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